Kopf, Theater
Schreibe einen Kommentar

Theater // “Angst essen Seele auf” im Maxim Gorki Theater

http://www.intro.de/images/8/3/8/9/angst-essen-seele-auf-misc_gallery_big_retina.jpg

Es gehört schon eine Portion Mut dazu, um um das Melodrama von Rainer Werner Fassbinder über die Beziehung eines Gastarbeiters aus Marokko und einer älteren deutschen Dame in eine Komödie umzuwandeln. Doch genau dies hat Regisseur Hakan Savaş Mican getan und am gestrigen Abend eine erstaunliche Premiere vor einem bis auf den letzten Sessel ausverkauften begeisterten Publikum im Maxim Gorki Theater präsentiert.

Der Plot des Filmklassikers “Angst essen Seele auf”, der Fassbinder großem Ruhm einbrachte, wird in der Inszenierung im Gorki zum Großteil übernommen. Ali, ein Marokkaner, der seit zwei Jahren in Deutschland lebt, um dort Geld zu verdienen, verliebt sich in die etwas 20 Jahre ältere Emmi und sie heiraten schon bald. Plötzlich finden sich beide außerhalb der Gesellschaft wieder, verstoßen von Fremden, von Freunden und sogar von der eigenen Familie. Zu Beginn des Stücks baut der Regisseur eine gewisse Distanz zum Film auf, dessen Geschichte hier auf der Bühne quasi 30 Jahre später noch einmal nacherzählt wird. Außerdem wird auf der Bühne der Schauplatz von München nach Berlin verlegt – Emmi mit echter Berliner Schnauze, sehr schön!

Noch’n Cognac?

Doch schon im Anschluss an die Einführung folgt die große Überraschung. Berlin in den 70ern mit Musik und Tanz, der Cognac fließt in Strömen. Man sieht Blümchenkleider, dicke Schnauzer, Schlaghosen – und vor allem Humor! Nach der ersten Verwunderung hatte man schon den ersten herzhaften Lacher. Eine solche Inszenierung hat man bei der Vorlage von Fassbinder wirklich nicht erwartet! Derbe Witze gehen Hand in Hand mit ironischen Liedern und beinahe albernen Ideen wie einem am Gürtel gehaltenen  – im wahrsten Sinne des Wortes – “deutschen” Schäferhunds, gespielt von Dimitrij Schaad, der in seinen verschiedenen kleinen Rollen und den mit einem Augenzwinkern ausgeteilten Spitzen zum heimlichen Star des Abends wird. Die beiden stets lästernden Nachbarinnen von zwei Männern (in Herrenkleidung) spielen zu lassen, die sich zu guter Letzt auch noch ihrer gegenseitigen Lust hingeben, hatte durchaus Anklänge an Monty Python – und das Publikum war begeistert!

Wer den Film mit seinem melancholischen Unterton vor Augen hat, wird dies alles schwer nachvollziehen können – doch es funktioniert! “Angst Essen Seele auf” im Gorki liegt die Betonung definitiv auf “Seele”. Man fühlt sich in der Überzeichnung der zurückliegenden Zeit und durch die Musik- und Tanzeinlagen an den Film “Sonnenallee” erinnert. Alles wirkt wie eine verklärte Retrospektive – auch die Kostüme tragen hieran einen großen Anteil. Hier wird auch auf eine ähnliche Weise versucht, den Spagat zwischen Humor und tragischen Elementen zu schaffen, leider mit ähnlichen Nebeneffekten.

Obwohl die Einwandererthematik aktueller denn je ist, vermag die Ernsthaftigkeit der Lage im Stück nicht recht durchzudringen. Der “Angst” fehlt die Durchschlagskraft. Die tragischen Momente sind nicht sehr eingängig. Die polternde Spielweise des Ensembles macht es schwierig, die leisen Töne herauszuhören. Oft findet man keinen Zugang zu den eigentlich ungeheuerlichen Vorgängen auf der Bühne. Wie sehr man sich daran stört, bleibt jedem selbst überlassen. Insgesamt hat das Stück jedoch einen wahnsinnigen Unterhaltungswert – und das auf verschiedenen Ebenen. Ich habe sowohl amüsiert als auch nachdenklich zugleich den Theatersaal des Maxim Gorki verlassen. Denn auch wenn man ganz genau hinhören muss, so ist die Tragik in Micans Inszenierung durchaus vorhanden.

geschrieben für www.livekritik.de

Foto via intro.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.