Diary // Ich wäre gern mal wieder betrunken – bin ich jetzt eine schlechte Mutter?

Zwei Gläser mit Gin Tonic

Ich bin in einer Facebookgruppe, in der sich nur Muttis tummeln. Sehr bezeichnend für diese Gruppe finde ich, dass fast jeder Beitrag mit dem Satz „Bitte steinigt mich nicht …“ beginnt, woraufhin erst die Problematik geschildert wird – wenn man das Beschriebene überhaupt als Problematik bezeichnen kann. Warum ist das so? Weil Muttis andere Muttis sehr schnell verurteilen – und zwar für alles, was sie tun oder eben nicht tun. Öfter mal kommt dort auch das Thema Alkohol auf. Dann gibt es da die eine Seite, die Milch abpumpt, um sich zu einer besonderen Gelegenheit mal ein (!) Gläschen Sekt zu gönnen. Und dann ist da die andere Seite, die so tut, als wären all diese Frauen Alkoholikerinnen schwersten Grades. „Wieso kann man nicht mal zwei Jahre auf das Trinken verzichten? Wie nötig hast du es denn? Du bist eine schlechte Mutter, weil du dein eigenes Wohl über das deines Kindes stellst!“

Diese und andere Aussagen bekommen manche Frauen dort also zu hören. Kein Wunder, dass viele mit besagtem Satz ins Gespräch einsteigen. Für mich dient die Gruppe ehrlich gesagt eher der Unterhaltung, als dass sie einen wirklichen Nutzen hat. Nur nebenbei bemerkt: Satzzeichen existieren nicht ohne Grund und nur weil man alles in Großbuchstaben schreibt, ist das Argument nicht automatisch richtiger. Aber das ist ja ein generelles Problem in Online-Diskussionen …

Wie dem auch sei. In den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass ich nicht futterneidisch bin, wohl aber trinkneidisch. Als ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, habe ich natürlich vom einen auf den anderen Tag mit dem Trinken und Rauchen aufgehört. Während mir das Rauchen kaum etwas ausgemacht hat, war es beim Trinken leider nicht so. Der Sommer hätte schöner nicht sein können, man konnte jeden Abend mit seinen Liebsten irgendwo draußen sitzen und über die Welt philosophieren. Meistens ist ‚Irgendwo‘ am Späti. Keine Ahnung, ob es an meinem Freundeskreis liegt, aber getrunken wird eigentlich zu jedem Anlass. Das ist nicht unbedingt gesund, aber meistens lustig – und jetzt mal ehrlich: So jung kommen wir doch nie mehr zusammen. Meistens habe ich deshalb auch kein Problem damit. Wenn man allerdings, so wie ich, plötzlich in der Situation ist, nicht mehr mitmachen zu können, geht einem dieses Verhalten ziemlich auf den Keks. Denn ja, ich wäre gern mal wieder betrunken.

Auch wenn ich gerne stille und auch noch eine Weile stillen möchte, so sehne ich mich schon sehr nach dem Tag, an dem ich mir gepflegt mal wieder drei oder vier oder mehr Bierchen reinstellen kann. Wenn der Kleine bei Oma schläft und ich mir keine Gedanken über den nächsten Morgen machen muss. Oder wenn wir sogar mal wieder für ein paar Tage auf einem Festival sind. Oder einfach nur in der verrauchten Eckkneipe nebenan. Wenn für einen kurzen Moment alles wieder so ist wie früher – so wie es natürlich nie wieder gänzlich sein wird und das ist auch gut so. Bin ich deshalb eine schlechte Mutter? Ich finde nicht. 

Leander zu bekommen, war die beste Entscheidung meines Lebens. Sie bedeutet aber auch einen großen Einschnitt, sowohl im Beruflichen als auch Privaten. All diese Einschränkungen nehme ich liebend gerne für ihn in Kauf, trotzdem bleibe ich immer noch der Mensch, der ich auch vor seiner Geburt war. Da ist zum Beispiel meine Liebe zu Büchern, meine Lust zu Reisen und ja, eben auch das Bedürfnis danach, ab und zu die Nacht durchzumachen – und zwar nicht, weil man alle paar Stunden vom Kind geweckt wird. Viele Mütter in besagter Gruppe werden bei dem Thema richtig gehässig und erlauben es auch nicht ihren Männern, überhaupt irgendwann mal einen trinken zu gehen. „Als Vater hat man schließlich Verantwortung, da kann man eben nicht mehr mit den Jungs um die Häuser ziehen. Hätten sie sich ja vorher überlegen können …“. Als würde man die Verantwortung beim Schritt durch die Haustür abgeben, nur weil man sich selbst hin und wieder etwas Gutes tun möchte. Als müsste man sich deshalb ein schlechtes Gewissen einreden. Wie sie mich wohl einschätzen würden? Vermutlich als drogenabhängige Rabenmutter.

Ich finde es total in Ordnung, wenn Eltern mit der Geburt ihres Kindes ihr eigenes Leben aufgeben und sich voll und ganz dem Nachwuchs widmen. Denn diese Aufgabe ist tagesfüllend und ja, sie kann sicherlich auch sehr erfüllend sein. Ich finde es aber nicht in Ordnung, dieses Lebensmodell auch allen anderen aufzuzwingen. Nicht den Partner*innen, aber erst recht nicht anderen Eltern, deren Alltag ihnen doch schnurzegal sein kann. Denn es gibt eben auch Menschen, die nicht nur Mutter oder Vater sein wollen. Die auch noch andere Facetten brauchen, um glücklich zu sein. Die vielleicht genau deshalb gute Eltern sind, weil sie manchmal ihren Freiraum haben. Ich für meinen Teil wäre jedenfalls unzufrieden, wenn ich immer „nur“ Mama wäre – auch wenn allein das schon so verdammt viel ist.
Das ist aber doch lange kein Grund für ein schlechtes Gewissen. Und ich wage zu behaupten, dass genau deshalb manchmal so viel Unmut in der Facebookgruppe herrscht, weil den Frauen ihr eigenes oder früheres Leben fehlt. Und weil sie sich das selbst noch nicht eingestanden haben. Oder weil sie den Schritt nicht wagen, es zu ändern. Aber das sage ich dort lieber nicht laut, denn ich fürchte, ich könnte gesteinigt werden … 

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