Europawahl 2019 // EU, wozu?

Halbporträt mit Baby

Die Europawahlen stehen vor der Tür. Es wird wieder einmal viel diskutiert. Welchen Sinn hat das Konstrukt, was wir als EU kennen? Was hat es für Auswirkungen? Ist das alles überhaupt nötig? Viele dieser Fragen sind ziemlich komplex und auch die Antworten fallen sehr verschieden aus, weshalb es oft zu Unzufriedenheit kommt. Vielleicht sollte man einfach beim Kleinsten anfangen und einmal auf sich selbst schauen. Was bringt mir die EU? Eine egoistische Einschätzung mit viel Bauchgefühl.

– Zur Europawahl lest ihr heute einen Gastbeitrag von meinem Mann Moritz –

Ich bin kein Politikexperte und überstehe wahrscheinlich kaum einen Wissenstest, wenn es um die Europäische Union geht. Trotzdem bin ich – wie alle Europäer*innen, denen es oft nicht anders geht – vom 23. bis 26. Mai dazu angehalten, wählen zu gehen. Es drängt sich die Frage auf: Was bringt mir das? Eine Frage, die wohl bei vielen in den Köpfen schwebt und angesichts einer Wahlbeteiligung von nur knapp 43 Prozent im Jahr 2014 scheinbar nicht so einfach beantwortet werden kann.

Die EU wirkt auf mich oft unnahbar. Gefühlt sitzen irgendwo in den Beneluxländern (Brüssel, Straßburg, Luxemburg?) Leute in einem Elfenbeinturm, die darüber entscheiden, wie krumm Bananen zu sein haben und wie Gurken verpackt werden dürfen. Zumindest sind das die Schlagzeilen, die wohl vielen im Kopf geblieben sind und von ihren Gegner*innen gebetsmühlenartig wiederholt werden. Doch ist das wirklich alles? Ich habe versucht herauszufinden, wo mich die EU eigentlich berührt, um endlich eine Antwort zu finden.

Urlaub ohne Pass

Diesen Vorteil haben fast alle von uns auf der Liste. Es ist der Offensichtlichste und wird im Grunde bei jedem unter „ganz nett“ geführt. Wir können quer durch Europa fahren, ohne einmal den Pass zu zücken. Nicht einmal Geld wechseln müssen wir. Man brauch nicht mehr in ominösen Wechselstuben nachrechnen, ob man grad übers Ohr gehauen wurde und niemandem möchte bei einer Grenzkontrolle den Kofferraum des vollgepackten Familienwagens sehen – Schengen sei Dank. So schön dieser Vorteil ist, so selbstverständlich ist er inzwischen auch geworden. Nichtsdestotrotz ist dies der Punkt, der mir im Bezug auf die EU am häufigsten begegnet.

Den Job mitgetragen

Mein erster fester Job war bei einem Startup. Wie das bei jungen Unternehmen so läuft, versucht man alle Quellen anzuzapfen, die einen voranbringen. Meist bedeutet das: Geld besorgen. Ich weiß, dass wir uns seinerzeit um mehrere Förderungen bemüht haben, viele davon mit EU-Beteiligung. Ich war in dem Prozess nicht näher involviert, weiß aber, dass mindestens eine EU-Förderung uns unterstützt hat. Davon ausgehend kann ich also sagen, dass meine erste Entwicklung in der Arbeitswelt von der EU mitgetragen wurde. Immerhin wurde da der Grundstein für das gelegt, was sich jetzt Karriere schimpft. Die EU hat viele Förderungsprogramme in nahezu allen Branchen. Die Chance, davon direkt oder indirekt „betroffen“ zu sein, ist also relativ hoch. So betrachtet also nicht verkehrt.

Austauschmöglichkeiten

Ich weiß noch, wie enttäuscht ich war, dass in meinem Studium kein Auslandssemester geklappt hat. Es hat immer irgendetwas gefehlt: Eigener Wille, Mut, Geld. Was jedoch nicht gefehlt hat, war ein entsprechendes Programm. Durch die Verbindungen meiner Uni mit der EU und entsprechenden Förderprogrammen wie ERASMUS, hatten Studierende die Möglichkeit, in ganz Europa ein Semester zu verbringen. Auch wenn ich selbst es nicht auf die Kette bekommen habe, muss man diese Möglichkeit eindeutig als Pluspunkt sehen. Die EU tut einiges dafür, seine Einwohner*innen möglichst früh zu verbinden. Schüleraustausch, Azubi-Weiterbildung, Auslandssemester. Es mag einem nicht gerade bedeutend vorkommen, doch ohne die Europäische Union wären diese Dinge um einiges komplizierter und vor allem stark in ihrer Auswahl eingeschränkt.

Die Wahl des Bachelor

Was klingt wie eine Abendshow bei RTL, hatte starke Auswirkung auf meinen Werdegang. Und das nicht unbedingt positiv, um es gleich mal vorwegzunehmen. Die Einführung des Bachelor-/Mastersystems hat in unserem Bildungssystem einiges an Wirbel verursacht. Unglücklicherweise steckte ich mittendrin. Ich habe mein Studium an einer Universität begonnen, die gerade widerwillig und missmutig das neue System im ersten Jahr eingeführt hat. Um es kurz zu machen, war man in einem Bachelorstudiengang ein Studierender zweiter Klasse. Keine*r der etablierten Professor*innen wollte sich mit einem abgeben. Prüfungsanforderungen wurden nicht angepasst und wenn, dann zu Lasten der neuen Studiengänge. So gab es also Klausuren, die man im Diplomstudiengang lediglich bestehen musste. Damit hatte man sich den Schein gesichert und konnte sich die nächsten Kurse vorknöpfen. Entsprechend schwer war jedoch auch das Bestehen, immerhin sollte ja eine Leistung abverlangt werden. Dieses System wurde für Studierende im Bachelor nicht geändert. Man saß also vor einer ziemlich harten Prüfung, die man dann auch entsprechend knapp bestanden hat und bekam als Lohn: eine 4 im Zeugnis. Entsprechend versaut war nach nur zwei Semestern der Notenschnitt. Die Folge war Abbruch des Studiums und Neuorientierung. Kein cooler Move, EU. Mal ganz abgesehen von den absolut engen neuen Lehrplänen, die denen aus der Schule glichen und es kaum erlaubten, während des Studiums nach links und rechts zu schauen. Wobei ich hier natürlich auch die innovationsfeindlichen Universitäten in Deutschland nicht unerwähnt lassen will.

Im Supermarkt

Wer heutzutage in den Supermarkt geht, hat fast immer ein Produkt in den Händen, was entweder von der EU gefördert, geprüft oder gar subventioniert wird. Wie bereits erwähnt ist die EU relativ streng, was die Kontrollen und Vorgaben von Lebensmitteln angeht. Dadurch wird etwa gewährleistet, dass die Gesamtqualität der Produkte, die wir konsumieren, steigt – oder zumindest gleichbleibend hoch bleibt. Überregulierung sagt der Eine, eine gute Sache sagt der Andere. Ich entscheide mich klar für Zweiteres. Wer schon einmal in Amerika im Supermarkt war und gesehen hat, was für Inhaltsstoffe dort (nicht) aufgelistet sind oder genetisch verändertes Gemüse in seiner vollen Pracht bewundern durfte, sollte über die Kontrollen der EU froh sein – auch wenn sie bei Weitem nicht perfekt sind.

Frieden

Last but not least mein Lieblingspunkt. Leider ist es gleichzeitig der, der den Menschen am wenigsten bewusst ist. Der nur allzu leicht vergessen und als selbstverständlich gesehen wird. Seit meiner Geburt hatte ich das Glück, in Frieden zu leben. Ich kenne Konflikte nur aus dem Fernsehen, Not nur aus Erzählungen und Flucht nur aus den Nachrichten. Ich habe das Glück, nie gezwungen gewesen zu sein, mein zu Hause verlassen zu müssen. Ich habe keinen Beschuss erlebt und keine Bomben gehört. Keine*r meiner Verwandten oder Freund*innen wurde in einem Konflikt getötet. Man muss sich vor Augen führen, dass Europa seit seinem Bestehen Schauplatz der größten Konflikte und Verbrechen der Erde war. Mehrere Kreuzzüge, Kriege und Weltkriege zeichneten über hunderte Jahre das Bild auf diesem Kontinent. Doch damit ist spätestens seit dem Fall der Mauer Schluss. 30 Jahre lang Ruhe. Schaut man auf die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg; hat es in der Geschichte Europas noch nie eine längere Phase gegeben, in der die Menschen sich nicht gegenseitig an die Gurgel gegangen sind. Aus einem Pulverfass wurde ein Gebiet in Frieden und Wohlstand – und das allein durch die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Das ist der wahre Sinn Europas. Das betrifft jeden Einzelnen jeden Tag. Wenn man also hört, der Konflikt in Nordirland könnte durch einen Brexit wieder aufflammen, sollten wir uns genau bewusst machen, was das eigentlich heißt, da es verdeutlicht worin der wahre Kern der EU besteht.

Gründe zu Wählen

Wieso sollten wir also zur Europawahl gehen? Für mich ist der Erhalt des Friedens allein Grund genug. Es gibt Kräfte in Europa, die auf die Auflösung dieses Bundes drängen. Meiner Meinung nach gilt es, das zu verhindern. Man mag politisch stehen wo man will, doch wo Populisten zur Gefahr für den Frieden werden, muss man handeln. Die Wahl ist die beste Gelegenheit dazu. Außerdem ist mir nun bewusst, dass die EU mehr Teile meines Lebens betrifft, als vorher gedacht. Einzeln betrachtet scheinen viele der Berührungspunkte auf den ersten Blick eher unerheblich, Doch würde auch nur einer fehlen, hätte das eine starke Auswirkung. Und sind es nicht grade die wichtigen Dinge, die erst auffallen, wenn sie weg sind?

Es wird in einer Gesellschaft, die Wohlstand ermöglicht, immer Regelungen geben, die einem nicht passen. Das gilt für die EU genauso wie für Deutschland, dem Land Berlin oder nur meinen Bezirk. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen sich nicht an der Gestaltung letzterer zu beteiligen – oder gar ihre Abschaffung fordern. Daher ist die Frage, wie sinnvoll es ist, zur EU-Wahl zu gehen, eigentlich ganz leicht zu beantworten. Es ist genauso sinnvoll, wie zu jeder anderen Wahl zu gehen und die kleine Chance zu nutzen, die Zukunft einer Region mitzugestalten.

Die Chance nutzen

Gibt es ein Amt, das sagt, wie krumm eine Banane sein darf? Wahrscheinlich. Ist die Bürokratie der EU zu teuer und verbesserungswürdig? Ganz bestimmt. Muss die EU sich verändern, um auf globale Fragen bessere Antworten liefern zu können? Absolut. Doch all das sind Kinkerlitzchen im Vergleich zu dem, wie es in Europa noch vor hundert Jahren ausgesehen hat. Wenn wir an Europa denken, dürfen wir nie vergessen, woher wir kommen und wie weit wir es gebracht haben. Mit etwas Glück wird die Europäische Union in Zukunft auch in der öffentlichen Wahrnehmung weniger als Last angesehen und mehr als das Privileg, das sie eigentlich ist.

Ich für meinen Teil möchte jedenfalls, dass mein Sohn gesund und in Frieden aufwachsen kann. Ich möchte, dass er die Möglichkeit auf gute Bildung und kulturellen Austausch bekommt und später einen Job in einer Branche finden kann, die es wert ist, unterstützt zu werden. Das klappt jedoch nur, wenn Europa auch gelebt wird. Daher bitte ich euch: Geht wählen! Denkt an die kleinen Dinge, die unser Leben in Sicherheit und Wohlstand ermöglichen und stimmt mit eurer Beteiligung für deren Erhalt. Es gibt nicht oft die Gelegenheit, als einzelne Person Einfluss zu nehmen. Genau deshalb sollten wir es tun, wenn sich uns dazu die Chance bietet.

Schreibe einen Kommentar

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu