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Beyond Seeing // Mehr als man sieht – Kunst und Mode in Berlin-Kreuzberg

Collage Teaserbild Beyond Seeing

„Soll ich dich führen?“, frage ich Lydia und merke im selben Moment, dass ich eigentlich gar nicht genau weiß, wie das geht. Ein wenig unsicher halte ich ihr meinen Arm hin. „Ja, gerne“, antwortet sie. „Lass den Arm ganz locker – einfach so, wie du ihn auch sonst halten würdest.“ Lydia hakt sich bei mir ein und wir gehen los. Meine anfänglichen Bedenken lösen sich sofort in Luft auf, als wir uns schnell in ein Gespräch vertiefen – wir unterhalten uns über Berlin, über Lydias Kinder und natürlich über das Bloggen. Das ist also mein erster Kontakt mit einer blinden Person – der erste, aber bestimmt nicht der letzte.

ESMOD: Ein Nähkurs für blinde und sehbehinderte Menschen

Nach einem kurzen Spaziergang durch Kreuzberg sind wir angekommen und betreten die ESMOD, die Internationale Kunsthochschule für Mode am Görlitzer Park. In einem großen Saal mit Nähmaschinen, Bügeleisen und Arbeitstischen liegt schon alles bereit für unseren Nähworkshop. Er findet im Rahmen der Woche des Sehens in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehinderten Verband e. V. (DBSV) und BEYOND SEEING statt – einem europäischen Projekt, das im Herbst 2016 vom Goethe-Institut Paris in Zusammenarbeit mit renommierten Modehochschulen initiiert wurde und darauf abzielt, Mode in einem Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen über den visuellen Reiz hinaus erfahrbar zu machen.

Begrüßung der Teilnehmer durch Katharina Scriba vom Goethe-Institut ParisArbeitsraum in der ESMOD Berlin-KreuzbergStoff ausmessen beim Nähkurs Stoff mit Schere und Nadelkissen

Ich habe früher zwar öfter genäht und schon einige selbstkreierte Taschen, T-Shirts und Co. verschenkt; ob und wie ich es jedoch schaffen würde, ein Schnittmuster ohne Augenlicht umzusetzen, ist mir schleierhaft. Wie schneidet man zum Beispiel das Material gerade zu, woher weiß man, welche Seite des Stoffes die richtige ist und wie fädelt man einen Faden durch die winzige Öse der Nadel? An diesem Tag bekomme ich zumindest eine leise Ahnung davon. Es braucht jede Menge Motivation, eine gute Anleitung, die passenden Werkzeuge und manchmal ein paar helfende Hände – zum Beispiel dann, wenn man noch nie an einer Nähmaschine saß. Spezielle Schienen, in denen man den Stoff zum Zuschneiden einklemmt, oder Zollstöcke mit Punktmarkierung vereinfachen die Arbeit zumindest ein bisschen. Nach einem kurzweiligen Nachmittag gehen jedenfalls alle blinden und sehenden Teilnehmer*innen stolz mit ihrer neuen Tasche nach Hause. Auch Lydia und ich haben es gemeinsam geschafft.

Anleitung für Nähkurs in Blindenschrift und normaler SchriftBloggerin Lydia von Lydias Welt Detailfoto mit NähmaschineTeilnehmerinnen beim Nähkurs an der ESMOD Berlin

Berlinische Galerie: Bilder sehen und fühlen

Am nächsten Morgen treffen wir uns in der Berlinischen Galerie. Reiner Delgado, Sozialreferent beim DBSV und von Geburt an blind, möchte uns durch die Dauerausstellung führen. Als erstes in Deutschland macht das Museum seine Werke nämlich auch für blinde und sehbehinderte Menschen zugänglich – eine kleine Sensation. Ehrlich gesagt habe ich vorher noch nie darüber nachgedacht, aber es liegt auf der Hand, dass Menschen mit Sehbehinderung in herkömmlichen Ausstellungen keine Möglichkeit haben, Bildende Kunst zu erfahren. Ganz ähnlich wie die Mode ist auch sie ein sehr visuelles Phänomen, das nicht ohne Weiteres mit anderen Sinnen wahrnehmbar ist.

Ich vor dem Bild und Tastrelief von Hanna Höch in der Berlinischen Galerie

In einem über zweijährigen Projekt hat der DBSV gemeinsam mit der Berlinischen Galerie daran gearbeitet, die Dauerausstellung Kunst in Berlin 1880-1980 barrierefrei zu erschließen. Seit Kurzem gibt es in dem Museum sieben Bilder als Tastreliefs, zusätzlich beschreibt eine Audio-App die insgesamt 17 Werke besonders ausführlich. Durch ein taktiles Leitsystem am Boden werden Besucher von Station zu Station geführt. Über Sensoren an der Decke schalten sich automatisch die entsprechenden Hintergrundinfos ein.

Tastbild in der Dauerausstellung der Berlinischen GalerieTaktiles Leitsystem in der Berlinischen Galerie

Diesmal erfahren auch wir sehenden Teilnehmer*innen die Ausstellung auf nicht-sehende Weise. Mit Schlafmasken ausgestattet betreten wir die Räumlichkeiten und gelangen schnell zum ersten Bild. Anstatt Richtung Wand, geleitet uns Reiner jedoch auf eine Bank vor dem Gemälde und führt unsere Hände zum Tastrelief, das vertikal neben dem Sitz eingelassen ist. „So können wir das Bild besser ertasten“, erklärt er. Wir beginnen zu fühlen: Ein winziger Fuß, ein schmaler Arm, ein zierliches Gesicht und eine Menge Tüllstoff. Auf der Leinwand muss eine Person zu sehen sein – möglicherweise in einem langen Kleid. Doch wer ist sie? Und was macht sie? Wir nehmen die Masken ab und sehen das Bild. Es ist die Tänzerin Baladine Klossowska, ein frühes Hauptwerk von Eugen Spiro. Eine anmutige Tänzerin in einem schwarzen, schwingenden Ballkleid. Unsere Tastversuche waren also gar nicht so schlecht, bloß die Tanzbewegung hätte niemand von uns erraten.

Blinde Bloggerin am Tastrelief von Eugen Spiro in der Berlinischen GalerieTastrelief zum Gemälde von Eugen Spiro in der Berlinschen Galerie

Im weiteren Verlauf der Ausstellung fühle ich mich dennoch mehr oder weniger hilflos mit meiner Maske. Allein von einem zum nächsten Kunstwerk zu gelangen, stellt eine kleine Herausforderung dar. Zum Glück führen die blinden Gruppenmitglieder uns sicher durchs Museum. Und sie zeigen uns, wie wichtig alle anderen Sinne auf einmal werden, wenn man nichts mehr sieht. Wie sehr man sich auf sein Gehör und sein Gefühl verlassen muss. Dass man unendlich viel Fantasie und Einbildungskraft braucht, um Kunst auch als blinder Mensch zu erfahren.

Tastbild von Iwan Puni in der Berlinischen GalerieSehende Bloggerin am Tastbild von Werner Heldt in der Berlinschen Galerie

PICKNWEIGHT: Worauf es beim Shopping ankommt

Ganz ähnlich ist es bei unserem nächsten Programmpunkt, der wiederum ganz im Zeichen der Mode steht. Wir fahren hinüber zum Bergmannkiez, um im Vintage Store Picknweight eine kleine Shoppingrunde zu drehen. Und auch hier stellt sich mir wieder die Frage: Wie kauft man eigentlich Kleidung, wenn man nichts sehen kann? Zusammen mit Lydia ziehe ich los, um das herauszufinden. Sie erzählt mir, wonach sie sucht und ich schaue, was ihr gefallen und passen könnte. Gemeinsam ertasten wir verschiedene Stoffe und Schnitte – wie gut sich ein Kleidungsstück anfühlt, ist für blinde Menschen besonders wichtig. Bei mir ist das hingegen der erste visuelle Eindruck, erst später setze ich mich mit dem Material auseinander.

Blick in den Picknweight Shop in Berlin-Kreuzberg

Ich entscheide mich für eine grüne Ledershorts und einen großen weißen Schal – beides Dinge, die sich gut mit den restlichen Teilen aus meinem Kleiderschrank kombinieren lassen. Vollbepackt gehen wir zur Umkleidekabine und probieren unsere Fundstücke an. Während ich dafür nur einen kurzen Blick in den Spiegel werfen muss, beschreibe ich Lydia, wie ihr Rock fällt und welche Farbe ihr Pullover hat. Sie fragt mich, wie meine Hose sitzt – perfekt. Zufrieden gehen wir beide zur Kasse.

Blick in den Picknweight Second Hand ShopKleiderstangen und Regale im Picknweight Vintage Shop Berlin

Die beiden Tage mit Lydia und den anderen Projektbeteiligten haben mir gezeigt, dass meine anfänglichen Bedenken völlig grundlos waren. Dass der Kontakt zu blinden Menschen den Horizont um ein Vielfaches erweitert. Dass es faszinierend sein kann, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Und wie das eigene Empfinden durch diese Erfahrungen geschärft wird.

Im nächsten Teil der Reihe erfahrt ihr mehr über das Projekt BEYOND SEEING. Die Artikel der anderen Bloggerinnen findet ihr auf lydiaswelt.com, whatcolorisit.be und cuilliere-a-absinthe-fr.

– In freundlicher Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Paris – 

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