Beyond Seeing // Die Ausstellung – Mode als Gefühl

Teil aus der Perception of Space Kollektion mit Augenmaske

“On ne voit bien qu’avec le cœur. L’essentiel est invisible pour les yeux. – Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”

Eigentlich mag ich das Zitat aus Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry nicht mehr so gern. Zwischenzeitlich tauchte es überall als tiefsinniger Kalenderspruch auf, war eine allseits beliebte Tattoo-Vorlage und wurde durch seine übermäßige Popularität immer mehr zur leeren Phrase, als dass sich Menschen tatsächlich Gedanken über die Idee dahinter gemacht hätten. Und so einfach ist das ja auch gar nicht, schließlich sind Äußerlichkeiten in unserer Gesellschaft unheimlich wichtig. Sie sind verantwortlich dafür, welchen ersten Eindruck wir bei unserem Gegenüber erwecken oder hinterlassen und umgekehrt. Denn jetzt mal Hand aufs Herz: Wer kann sich davon schon freimachen? Ich jedenfalls nicht. Was ich bei meinem letzten Parisbesuch jedoch wieder gelernt habe, ist, wie wichtig eine andere Perspektive auf manche Dinge sein kann. Und das ist, wie ich finde, ein guter erster Schritt in die Richtung des wirklich Wesentlichen.

Gebäude VIP La Vilette in Paris

Mitte Januar fand in der französischen Hauptstadt die Eröffnung der Ausstellung BEYOND SEEING statt – die abschließende Phase des interdisziplinären Projekts zwischen dem Goethe-Institut Paris und renommierten Modehochschulen aus Frankreich, Deutschland, Schweden und Belgien. An dieser Stelle hatte ich euch bereits ausführlich davon berichtet, wie BEYOND SEEING Mode über den visuellen Reiz hinaus für blinde, sehbehinderte und sehende Menschen erfahrbar machen möchte. Nach zwei Jahren voller Konferenzen, Recherchen, Workshops und kreativer Schaffensprozesse, wurden die fertigen Kollektionen der Modestudierenden nun endlich in Paris präsentiert. Dort trafen verschiedenste Ansätze auf vielfältige Designs, die vor allem neugierig auf eines gemacht haben: die Geschichte dahinter.

Blick von oben auf die Ausstellung

Dabei haben sich die Modeschöpfer*innen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema auseinandergesetzt. In der schwedischen Kollektion ‘Sonic Haptic Wardrobe’ etwa ging es darum, die Grenzen von Kleidung zu hinterfragen und visuelle Aspekte in den Hintergrund zu rücken. Der Fokus lag auf der Haptik und die meisten Kleidungsstücke bestanden aus mehreren Stoffen mit verschiedenen Strukturen, die gut zu ertasten waren. Muster wie Pünktchen wurden durch dreidimensionale Applikationen “sichtbar” gemacht. Einige Materialien wie Glöckchen oder Schmirgelpapier konnten die Besucher*innen sogar hören. Um passende Textilien zu finden, haben die Studierenden zahlreiche Interviews mit blinden und sehbehinderten Menschen geführt.

Sonic Haptic Wardrobe KollektionRock mit dreidimensionalem Punktmuster und T-Shirt mit Glöckchen

Maxi Tilch aus Berlin hatte einen anderen Ansatz. Ihre Kollektion heißt ‘Perception of Space’ und experimentiert damit, wie man einen Raum erleben und mit ihm interagieren kann, ohne ihn jemals gesehen zu haben. Sehr räumlich sind deshalb auch ihre Entwürfe geworden, sie stehen für ein Zelt, ein Wohnzimmer und eine Bahnhaltestelle. Um sich für den Designprozess inspirieren zu lassen, hat Maxi die ihr unbekannten Orte mit verbundenen Augen besucht und daraus abstrakte Silhouetten geschaffen, die sowohl optisch als auch haptisch verschiedene Erinnerungen wachrufen. Im Wohnzimmer zum Beispiel das geblümte und samtweiche Sofa der Oma oder beim Zelt die typisch knisternde Plane. Beim Entwerfen ging es anders als bei “normalen” Kollektionen nicht um den ästhetischen Aspekt, sondern vielmehr um die haptische Wahrnehmung.

Perception of Space Kollektion
Designerin und Besucherin befühlen die KleidungTeil aus Perception of Space Kollektion

Beeindruckt hat mich außerdem die Kollektion ‘Invisible Imagination’ von Verena Kuen aus Berlin. Sie ist nicht von Bildern oder anderen visuellen Reizen geprägt, wie es üblicherweise der Fall ist, sondern von der persönlichen Geschichte eines Menschen. Die drei Kleider aus Seide, Silikon und Strick spiegeln die Träume der Berlinerin Ugne wider, die in ihrem 20. Lebensjahr erblindet ist. Verena hat sich intensiv mit Ugne und ihren Träumen auseinandergesetzt, um sie anschließend in Kleidung zu verwandeln. Einer davon ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: Ein Tagtraum von einem Baum, den Ugne gesehen hat, als sie noch nicht erblindet war. Die eine Seite des Baums war lebendig und farbenfroh, während die andere Seite durch einen Blitzeinschlag verbrannt und tot war.

Invisible Imagination Kollektion
Detail aus der Invisible Imagination Kollektion
Invisible Imagination Kollektion

Dennoch war es immer noch derselbe Baum, auch wenn er jetzt diesen äußerlichen ‘Makel’ trug. Und genauso ist Ugne nach ihrer Erblindung immer noch derselbe Mensch mit derselben Schönheit, auch wenn sie kein Augenlicht mehr hat. Und genauso kann auch Kleidung viel mehr sein, als ein rein ästhetisches Produkt, wie die Kollektionen wunderbar beweisen. Im Prinzip geht es also genau um das, was Saint-Exupéry uns mit seinem kleinen Prinzen mit auf den Weg geben wollte: Was zählt, ist das Innere – ein Gefühl, das Menschen oder Dinge in uns auslösen – und nicht das, was man auf den ersten Blick sieht. In Zeiten, in denen viele Werte immer oberflächlicher werden, scheint sein Gedanke jedenfalls aktueller denn je.

 – Vielen Dank für die Einladung an das Goethe-Institut Paris –

Projekt 'Head, Shoulders, Knees and Toes, Knees and ToesBesucherin Ugne und Bloggerin Lydia ertasten die StoffeFairytale KollektionBesucher ertasten die StoffeMoodboardBesucherinnen ertasten die StoffeSpirit Transcends KollektionDetail Samtkleid aus der Fairytale Kollektion

4 Kommentare

  1. Antworten
    Miss Jones

    Was für ein interessantes Konzept, eine Ausstellung zum Fühlen. Danke für diesen Bericht, er hat mich sehr inspiriert!

  2. Antworten
    Lydia

    Danke Dir, liebe Sonja, für die ausführliche Berichterstattung. Und danke für die super beschriebenen Bilder. So haben auch wir blinden Leser etwas davon.

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