Diary // 10 Jahre Berlin – ein Resümee

Blick auf Fernsehturm in Berlin

Ich werde häufig gefragt, ob ich denn für immer in Berlin bleiben möchte. Scheinbar ist es für viele Menschen unvorstellbar, in dieser Stadt tatsächlich zu leben. Besuche, Wochenendtrips oder Geschäftsreisen, das ja – aber gleich hinziehen? Das könnten sie sich niemals vorstellen. Denn eine Meinung haben natürlich trotzdem alle: Berlin ist zu laut, zu dreckig, zu hipster, zu groß – kurzum: Es ist gleichzeitig von allem zu viel und zu wenig. Für mich ist Berlin vor allem eines, und zwar mein Zuhause.

Gestern schrieb mir meine Mutter in einer Mail, dass ich der Liebe wegen hier wäre und ich habe mich gefragt, wie sie darauf kommt. Vielleicht mögen Menschen diesen Eindruck haben, aber richtig ist er nicht. Zumindest nicht ganz, denn in gewisser Weise ist es schon wegen der Liebe – aber meiner Liebe zu der Stadt. Ich war an meinem 14. Geburtstag zum ersten Mal hier und habe mich in diesen drei Tagen ganz furchtbar in Berlin verguckt. In die schönen Häuser, die bunten Graffitis, die Cafés und Museen, die Vielfältigkeit der Kieze. Vor allem aber in eines: die Freiheit, die man in Berlin verspürt. Als Kasselänerin komme ich aus keiner Kleinstadt, die Atmosphäre ist aber trotzdem nicht annähernd zu vergleichen mit der Dynamik, die Berlin verströmt. An diesem Wochenende habe ich mir ein Ziel gesetzt: Irgendwann möchte ich hier wohnen.

Dieser Plan ist nach dem Abi auch schon aufgegangen. Eigentlich wollte ich in Leipzig studieren und habe eher nebenbei noch schnell eine Bewerbung nach Potsdam geschickt. Mit der Zusage stand dann auch schon der Entschluss: Ich ziehe nach Berlin. Jetzt im September ist diese Entscheidung zehn Jahre her. Zehn Jahre, die ich in dieser wunderbaren Stadt verbringe, die keinem anderen Ort gleicht, den ich in meinem Leben jemals besucht habe. Und vor allem zehn meiner wichtigsten Jahre, die mich unheimlich geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.

Ich habe viele Menschen kennengelernt, von denen einige zu besten Freund*innen geworden sind und von denen ich andere auf dem Weg verloren habe. Ich habe Tage und Nächte durchgetanzt. Ich habe studiert und einen Job gefunden, der mich glücklich macht. Ich habe mich ver- und entliebt, viel gelacht und viel geweint. Ich habe die Sommer eingesogen und die Winter verflucht. Ich habe gelernt, auf berlinerisch zu denken, so als wäre es eine Fremdsprache. Ich bin in die Spree gesprungen und Riesenrad gefahren. Ich mag keine Currywurst, aber dafür Berliner Luft. Ich habe auf Dächern gesessen, die Sonne auf- und untergehen sehen. Ich kenne alle Spätis im Kiez. Ich bin viermal umgezogen und kenne die Stadt trotzdem noch zu wenig. Ich habe gelebt und geliebt.

Berlin ist nicht immer schön. Die Stadt ist tatsächlich laut und dreckig und groß – Eigenschaften, die man mögen muss. Auf seinem Weg trifft man Tausende von Bekanntschaften, aber echte Freundschaften zu schließen, ist gar nicht so einfach. Berlin ist anonym, man sieht sich nicht einfach zufällig auf der Straße. Das Leben hier kann manchmal einsam sein. Die ‘echten’ Berliner, die einigen seltenen Exemplare, gelten als mürrisch und unfreundlich. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen aus meiner Heimat in Nordhessen ganz ähnlich ticken, aber ich habe mich hier trotzdem immer Willkommen gefühlt. Die Berliner sind direkt, ja, sie tragen ihr Herz auf der Zunge – aber mit der Zeit erkennt man, dass dies ihre eigene Art von Liebenswürdigkeit ist. Ganz ohne Umschweife oder Oberflächlichkeiten, wie anderswo so oft der Fall. Ich habe ihren Dialekt schon immer gemocht. Meine Mutter hatte früher ein paar Zille-Bücher im Regal und als Kind habe ich versucht, die Berliner Schnauze nachzulesen. Eine Sache muss man hier als Zugezogene*r allerdings immer wieder schlucken:  Es gibt keinen besseren Ort auf der Welt als Berlin, Diskussionen sind zwecklos.

Neben den unzähligen schönen Seiten existieren auch andere, traurige. Armut, Obdachlosigkeit, Drogen in der Öffentlichkeit, Rassismus und Gewalt. Manchmal bin ich erstaunt darüber, wenn ich mit Leuten durch die Stadt gehe, die vor diesen Dingen am liebsten die Augen verschließen würden. Wegschauen und so tun, als würden sie diese Probleme nichts angehen oder als gäbe es sie schlichtweg nicht. Aber auch das ist Berlin – zu sehen, wie das Leben sein kann, ohne schillernde Seifenblase um sich herum. Gerade in Zeiten wie diesen sollten wir einander nicht einfach ignorieren, sondern anderen Menschen helfen, anstatt sie ihrem eigenen Schicksal zu überlassen. Und sei es nur der eine Euro für den Straßenfeger oder der Anruf beim Kältebus im Winter.

Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen. Aber vor allem gibt es noch so viel mehr auszukosten in dieser Stadt, denn Berlin schläft nie und hat sich in den letzten Jahren genauso entwickelt, wie ich selbst. Ich bin hier erwachsen geworden, wenn man das so sagen kann, und ich hätte mir dafür keinen anderen Ort vorstellen können. Keinen bunteren, offeneren und vielfältigeren Ort. Seit ich zum ersten Mal hier war, hat sich Berlin nach Zuhause angefühlt – mit seinen guten und schlechten Seiten. Nirgendwo sonst ist mir das je passiert – nicht mal in meiner Heimatstadt fühle ich mich jetzt noch so, und erst recht in keiner anderen deutschen Großstadt. Genau das ist auch der Grund, warum ich hier bin und warum ich hier bleibe. In der Zwischenzeit haben sich natürlich noch viele andere Gründe ergeben: Mein Freundeskreis, mein Job und allen voran meine große Liebe, mit der ich mir hier ein gemeinsames Leben aufgebaut habe. Genauso wie die Gewissheit, dass aus unserem Kind an diesem Ort ein neugieriger, toleranter und weltoffener Mensch wird. Was für ein schöner Zufall, dass er genau in diesem Jahr zur Welt kommt.

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