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Kaffeeklatsch // Von Taschenaschenbechern und Spiegelreflexkameras – eine Reiseerfahrung

Flatlay mit Landkarte und Technik

In meiner neuen Rubrik 'Kaffeeklatsch' werde ich euch ab sofort an meinen Gedanken aus dem Alltag teilhaben lassen. Es geht um Dinge, die mich bewegen und Texte, die mir in den Sinn kommen. Manchmal werde ich mir Luft machen, manchmal meinem Drang zum Schreiben nachgehen und manchmal auch nur kurz und knapp meine Meinung zu etwas äußern. Willkommen in meinem Kopfkino!

Durchgefroren aber glücklich klettern wir vom Tagesboot zurück auf unsere Dschunke. Noch eine Nacht werden wir auf See in der wunderschönen Bai Tu Long Bay verbringen. Viele Passagiere von gestern sind bereits abgereist, stattdessen ist eine neue Gruppe an Bord gekommen. Die meisten von ihnen sind Familien oder ältere Ehepaare. Auch ein Pärchen in unserem Alter ist dabei, das allerdings nicht so recht zu der Reisegruppe passen mag.

Mit nackten Füßen und Leinenhosen laufen die beiden an Deck umher, lernen voller Enthusiasmus, wie man frische Frühlingsrollen zubereitet und gestehen sich dabei immer wieder gegenseitig ihre Liebe. "Deine Frühlingsrolle gleicht einem aufgehenden Stern am Himmel", klingt es mir noch in den Ohren. Er trägt lange Haare, sie Dreadlocks. Sein Kapuzenpulli hat bereits bessere Tage gesehen, ihre Elefantenhose zeugt von einer langen Reise. Beide scheinen mit sich und ihrer Umwelt im Einklang zu sein und machen aus jeder Situation ein Erlebnis. Selbst das für Asien ziemlich kühle Wetter in der Bucht kann ihnen nichts anhaben. Sie tanzen an Deck im Mondlicht. Ihr alternativer Lebensstil ist nicht zu übersehen, wie auch, wenn er so unverblümt nach außen getragen wird, fast schon plakativ. Doch wieso freue ich mich nicht einfach für sie? 

Ich überlege, was den gemeinen Backpacker heutzutage ausmacht. Zunächst einmal natürlich Rucksack statt Rollkoffer, das ist klar. Obendrein auch noch Hostel statt Hotel sowie Street Food statt Sterneküche. Und dann? Das junge Paar ist beispielhaft für Tausende von Mittzwanzigern, die sich jedes Jahr in Asien tummeln. Wer schon einmal da war, der kennt sie. Junge Menschen, die scheinbar furchtlos vor Sprachbarrieren und Komplikationen nur mit einem Rucksack bewaffnet in die weite Welt ziehen. So nah wie möglich an den Menschen des Landes. So ursprünglich wie möglich, oft ohne Komfort und eng verbunden mit der jeweiligen Kultur. Von außen wirkt es wie die ideale Form des Reisens, der auf jeden Fall Respekt gebührt. Eine Frage drängt sich mir allerdings das ein oder andere Mal auf. 

Geht es beim Backpacken um nachhaltiges Reisen oder vor allem um So-Günstig-Wie-Möglich-Um-Die-Welt-Kommen? Geht es darum, sich unterwegs ein Image aufzubauen, fernab von zu Hause, vielleicht ganz anders als zu Hause? Wenn ich die beiden Turteltauben betrachte, bin ich mir nicht ganz sicher. Da kann auch der barfüßige Schein nicht trügen. Haarband, Glöckchenschmuck, selbstgedrehte Zigaretten – alles schön und gut. Aber woher kommt das 5000-Euro-Kamera-Equipment, das da ganz lässig über eure Schulter baumelt, so als wäre es selbstverständlich, bloß um damit Selfies an Deck oder Fotos von sternengleichen Frühlingsrollen zu knipsen? Wo bleibt die Nachhaltigkeit, wenn ihr die Zigarettenstummel einfach ohne Nachzudenken auf die Karstberge oder ins Meer werft? Wieso hängt da anstatt einer Vollformatkamera kein Taschenaschenbecher um euren Hals, oder zumindest daneben? Und wieso habt ihr kein Trinkgeld für die Crew übrig, die sich doch den ganzen Tag lang so ins Zeug gelegt hat, damit es euch gut geht? War die Canon 5D Mark IV etwa doch ein bisschen zu teuer?

Spiegelreflexkamera und Rucksack

Besonders in Vietnam ist mir aufgefallen, dass es vielen jungen Travelern nur noch darum geht, alles möglichst günstig zu bekommen. Das finde ich auf der einen Seite verständlich, wären da auf der anderen Seite nicht diverse Ambivalenzen. Collect moments not things. Die romantische Vorstellung, dass sich viele Menschen bewusst für diese Form des Reisens entscheiden, verliert schnell ihre Bedeutung. Menschen kennenlernen und Kultur erleben? Aber sicher, solange es nur weniger als zu Hause kostet. Das iPhone 7 wird hingegen auch von Backpackern gern genutzt. Auch ist die Anzahl an Macbooks in Hostels weit höher als erwartet. Irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben, wenn man auf seinen 1-Euro-Latte-Macchiato wartet. Und die Erlebnisse müssen natürlich mit einer entsprechenden Kamera festgehalten werden. Nicht auszudenken, wäre der Tuktukfahrer, der einen für einen Wucherpreis von 10 Euro am Tag durch Angkor Wat fährt, auf dem Bild verwackelt. Die Objektive mit dem roten Ring sind deshalb auch ein treuer Begleiter. Irgendwie muss der 200-Euro-Rucksack schließlich gefüllt werden. 

Teures Handy, teure Kameras, teure Klamotten – aber für eine echte Erfahrung im Urlaub so wenig Geld wie möglich in die Hand nehmen. Gerade in solchen Ländern ist das natürlich ein Klacks, denn wieso sollte ich dem Tourguide einen Euro Trinkgeld geben, wenn es hier auch ein Cent tut? Wieso sollte ich fünf Euro Eintritt für ein Weltnaturerbe zahlen, wenn ich auch kostenlos mit dem Roller drumherum fahren kann? Benzin ist schließlich billig (hallo Ozonschicht!). Gerade diese Länder sind auf den Tourismus angewiesen. Und weil man in Vietnam im Vergleich zu Deutschland sowieso schon nur einen Bruchteil für alles zahlt – seien es Unterkünfte, Essen oder Unternehmungen – würde der Euro mehr gar nicht weiter auffallen.

Ich bin kein Backpacker und weit davon entfernt (auf Reisen) alles richtig zu machen. Ich halte jedoch nichts davon, zu Hause einen gewissen Lebensttil mit allerlei Annehmlichkeiten zu führen, aber unterwegs an jeder Ecke zu sparen. Erst recht nicht, wenn es auf Kosten anderer geht. Ich weigere mich, diese Geiz-Ist-Geil-Mentalität zu unterstützen. Hört man auch zurück in der Heimat den Gesprächen mancher Leute zu, die in Asien oder anderen Ländern unterwegs waren, geht es oft nur darum, sich gegenseitig zu übertrumpfen, wo es denn nun am billigsten gewesen ist. "Hat ja alles eigentlich gar nichts gekostet. Die haben fast noch drauf gezahlt, damit wir kommen!"

Ja, ich gebe es zu. Ich plündere für Reisen mein Sparbuch. Ich nutze das Geld, um mir Erlebnisse zu schaffen, die ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde. Von denen ich meinen Kindern und Enkeln erzählen kann. Die mir durch dunkle Berliner Winter helfen und mich aufbauen, wenn mal blöde Gedanken kommen. Was erzählen also die beiden Turteltauben später ihren Enkeln, wenn sie ihnen die Bilder zeigen, deren Auflösung für eine Plakatwand reicht und auf denen sie mit Auto-Blitz überbelichtete Peacezeichen in die Kamera halten? Man weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, die Geschichte wird einen Haken haben …

Fotos via Unsplash

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