Kopf, Theater
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Theater // „Woyzeck III – Magic Murder Mystery“ im Maxim Gorki Theater

Nachdem ich gestern das Maxim Gorki Theater verlassen habe, stand ich erst einmal eine Weile vor dem Berliner Dom, um einer Straßenmusikerin zu lauschen und tief durchzuatmen. Was für ein Stück!

 

Wer mit der Erwartung hineingeht, Georg Büchners Dramenfragment im Gorki Szene für Szene theatralisch umgesetzt zu sehen, wird von Mirko Borschts Inszenierung sicherlich enttäuscht sein – was bleibt, ist allenfalls der fragmentarische Charakter! Wie der Titel bereits andeutet, gibt es an diesem Abend nicht nur einen Woyzeck auf der Bühne, sondern gleich drei – und jeder spiegelt einen anderen Seelenzustand und die Psyche des Protagonisten Büchners. Jeder zeigt eine andere Geschichte, die in kurzen, teilweise sehr verwirrenden und irgendwie miteinander verflochtenen Ausschnitten dargestellt wird. Unterschiedlicher können Menschen nicht sein und doch haben sie etwas gemeinsam: sie sind alle Mörder.

Der eine schwächlich und liebesuchend, der andere hochintelligent und voller Leidenschaft, der dritte wütend und hasserfüllt. Mittendrin und allgegenwärtig die blonde Marie, die im Original von Büchner zu Woyzecks Mordopfer wird. Bei Borscht gibt es aber kein Mordopfer – oder aber es gibt unzählige Mordopfer. Während der 2 1/2 stündigen Inszenierung ermordet jeder Spieler mindestens eine andere Figur, die aber meistens sogleich wieder aufersteht, um dann vom nächsten umgebracht oder selbst zum Mörder zu werden. Marie ihnen allen voran.

Zwischen den meisten Ermordungen entstehen kurze Pausen, die ins Absurde abdriften: nachdem Marie den ersten, schwächlichen Woyzeck erstochen hat, erinnert die Handlung auf der Bühne an eine Szenerie aus David Lynchs Fernsehserie Twin Peaks. Die Fahrstuhlmusik, die Tanzeinlagen, Marie, die mit ihrem weißen Kleid, den blonden Haaren und dem geschundenen Gesicht starke Ähnlichkeit mit der toten Laura Palmer hat, sowie das rote Licht und die Selbstverständlichkeit, mit der hier dem Tod begegnet wird – all das lässt das Geschehen auf der Bühne äußerst surreal wirken. Auch nach dem nächsten Mord entsteht eine solch absurde ‚Pause‘, die durch die orgienhaften und bizarren Aktivitäten der Schauspieler an einen Abend im Berliner Club Berghain erinnert. Der viele Kunstnebel und Zigarettenrauch verstärken dieses Gefühl.

Inmitten dieser wenigen Längen hält das Stück überragende Momente bereit: Dimitrij Schaad trägt einen beeindruckenden kulturgeschichtlichen Abriss vor, von den Forschungen Julian Jaynes zur bikameralen Psyche, über die Entstehung des Bewusstseins und der menschlichen Sprache, bis hin zur Entwicklung einer vom Mensch geschaffenen Religion. Respekt vor dem jungen Schauspieler und seinem fabelhaften Monolog!

Die inhaltliche Berg- und Talfahrt wird durch das unheimlich überraschende Bühnenbild, dass ins Gorki Theater gezaubert wurde, ergänzt. Grelles, blitzendes Licht und laute Musik wechseln sich mit dem beruhigenden Tropfen von Regen ab. Die Projektionen auf die große Leindwand zu Beginn sowie auf die kleineren Bahnen im späteren Verlauf sind allgegenwärtig und runden das visuelle Erlebnis ab. Das gesamte Stück ist musikalisch untermalt.

Diese Woyzeck Inszenierung im Gorki sollte man sich nicht entgehen lassen!

geschrieben für www.livekrititik.de

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