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Kaffeeklatsch // Weshalb Ronja Räubertochter meine Kindheitsheldin war

Deutsche Ausgabe von Ronja Räubertochter

Bis Facebook mal wieder seine Bestimmungen änderte, hieß ich dort Sonja Räubertochter. Das hatte allerdings nicht nur mit der Ähnlichkeit unserer Vornamen zu tun, sondern vielmehr mit meinem Faible für Astrid Lindgrens schönste Buchfigur. Als Kind habe ich meine illustrierte Ausgabe in regelmäßigen Abständen verschlungen und natürlich auch den Film gleich mehrmals gesehen. Ich liebte Ronja. Sie war klug, sie war mutig und sie war frei. Ich wollte immer genauso sein wie sie. Manchmal baute ich mir in meinem Kinderzimmer eine Höhle, holte mir unten aus der Küche eine Flasche Milch und ein Stückchen Brot, um so zu tun, als würde ich mit Birk Borkasohn im Mattiswald den Winter verbringen. Oder den Frühling. Oder den Sommer. Im Mattiswald gab es schließlich immer etwas zu erleben. Garstige Graugnome, wütende Wilddruden und ein unheilvoller Höllenschlund – das alles war ganz nach meinem Geschmack. Und dann war da ja noch diese schöne Liebesgeschichte.

Derzeit wird in den Medien viel über bestimmte Motive in Kinderhörspielen gesprochen. Benjamin Blümchen ist als Wutbürger enttarnt, Bibi Blocksberg von altmodischen Geschlechterrollen geprägt und die Geschichten rund um TKKG weisen rassistische Züge auf. Nicht so bei Ronja. Auch auf Seiten der Wissenschaftler wurde Astrid Lindgren mit ihren Werken als Ausnahmebeispiel genannt. So ist zum Beispiel Pippi Langstrumpf eine moderne Frauenfigur, die weit vom konservativen Zeitgeist ihrer Entstehungszeit entfernt ist. Mit der kleinen Räubertochter, übrigens eines ihrer letzten großen Werke, knüpft die Autorin nahtlos an dieses Frauenbild an.

Illustration aus Ronja Räubertochter

Natürlich besteht die Räuberbande auch hier aus vielen starken Männern, die das Essen nach Hause bringen, sich prügeln und rauben, während Lovis – die Räubermutter – zu Hause für das Kochen und Putzen verantwortlich ist. Doch das ist nur der erste Eindruck. Astrid Lindgren parodiert den klassischen Räuberroman, indem sie die Räuber verletzlich werden lässt – und sei es nur in ihrer grenzenlosen Liebe für die kleine Ronja. Mit der Räubertochter und ihrer Mutter Lovis wird der patriarchalisch geprägten Welt ein weiblicher, vernünftiger Blick entgegengebracht. So hat letztendlich nicht nur der aufbrausende Mattis das Sagen in der Burg, sondern in erster Linie seine Frau Lovis. Genauso wie auch Ronja von einem bestimmten Punkt an frei in ihren Entscheidungen ist, auch wenn das ihrem Vater zunächst überhaupt nicht gefallen mag. Vor allem moralisch vertritt sie einen ganz anderen Standpunkt und setzt dem Drang nach Hass und Gewalt der Räuberbande Liebe und Frieden entgegen.

Emanzipation ist in dem Buch ein ganz großes Stichwort. Ronja Räubertochter ist die erste Feministin, von der ich schon in jungen Jahren gelesen habe und die mein Bild von der Gesellschaft auf bestimmte Weise geprägt hat. Die mir gezeigt hat, wie es sein kann. Dass es sich lohnt, seine Träume und Ziele zu verfolgen. Nach ihr kamen viele weitere wunderbare Frauen(-figuren) und vielleicht verdanke ich Astrid Lindgren sogar ein bisschen meine Liebe zur Literatur. Jedenfalls freue ich mich schon jetzt darauf, das Buch irgendwann einmal meiner eigenen Tochter zu schenken – auf dass auch sie eine kleine Räubertochter wird.

Illustration für Ronja Räubertochter

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