Kopf, Musik
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Konzert // „After The Fire“ im Maxim Gorki Theater

Gebrüder Teichmann

Europe 14|14

Der Konzertabend AFTER THE FIRE fand im Rahmen des Projektes Europe 14|14 statt. Vier Tage im Mai ist das Maxim Gorki Theater Berlin Gastgeber für den History Campus, einem Arbeitstreffen zum Ersten Weltkrieg, veranstaltet von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Körber-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung. 400 junge Menschen aus ganz Europa wirken an dem Projekt mit. Zusätzlich wurde mit der Kulturstiftung des Bundes der Open Campus entwickelt: ein öffentliches Programm, das sich künstlerisch, genre- und länderübergreifend mit der Thematik des Krieges auseinandersetzt.

Generationsübergreifend

Die Atmosphäre im Gorky Theater war gestern eine ganz Besondere. Das Publikum war sehr durchmischt, von Grundschulkindern über Studenten bis hin zu Senioren war jede Altersgruppe vertreten. Das war gerade wegen der Thematik bemerkenswert, auch wenn die Eltern relativ schnell erkannt haben, dass die Inszenierung nicht unbedingt für Kinder gedacht war. Ansonsten herrschte gestern eher ausgelassene Konzertstimmung, anders als beim „normalen“ Theaterbesuch. Die Zuschauer kamen und gingen wie sie wollten, was aufgrund der Theatersessel manchmal allerdings etwas gestört hat.

„We want to take you on a journey“

Zu Beginn kam der Kurator Björn Döring selbst auf die Bühne, um ein paar einleitende Worte für AFTER THE FIRE ans Publikum zu richten. Sie wollen uns mit auf eine Reise nehmen, eine Zeitreise in die letzten vergangenen 100 Jahre. Verschiedene Städte, verschiedene Jugendbewegungen. Verbindende Elemente sind die Weltkriege mit ihren Auswirkungen und: die Musik.

Der Anfang unserer Reise begann in Budapest mit dem Künstlerduo DJ Bootsie & Kiégő Izzók. Auf beeindruckende Art und Weise untermalte der Musiker die Videoinstallation Izzóks, die einen sehr anschaulichen Abriss von verschiedenen Stadien des Krieges bis hin zum Fall der Berliner Mauer zeigte. Die Musik machte die Bilder viel anschaulicher und erfahrbarer, sie erzeugte eine unheimlich starke Atmosphäre. Zwischen den vielen sehr deepen Sounds fallen mir immer wieder sehr melodische und harmonische Momente auf, die für mich die Hoffnung zwischen all dem Kriegselend symbolisierte und am Ende durch den Fall der Mauer in Berlin auch teilweise erfüllt wurde.

Als nächstes kam die deutsch-französische Band Scorbüt auf die Bühne und nahm uns von Berlin mit nach Paris. Auch dieses Trio zeigte seine ganz eigene Verarbeitung der Zeit bis in die 50er Jahre hinein. Mal patriotisch, mal lieblich und vor allem sehr stolz präsentierte die Sängerin Caroline du Bled französische und deutsche Chanson-Klassiker und erzeugte gemeinsam mit ihren beiden Bandkollegen eine überaus authentische Stimmung im Gorkisaal. Das Publikum war begeistert!

Eindrucksvolle musikalische Zeitreise

Dann kam der „Mainact“. Eine Stunde dauerte das Programm Waltzing 1914 des Berliner Elektro-Duos Gebrüder Teichmann in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Pianisten Moritz Eggert und der Schauspielerin Theresa Martini. Ihr Ziel war es, eine „radikal subjektiv-fragmentarische Sicht auf die Musikgeschichte des Krieges von 1914 bis heute“ zu präsentieren – und das gelang ihnen auch! Die musikalische Durchmischung von Klavier, Gesang und elektronischen Klängen in Zusammenhang mit der theatralischen Inszenierung holten den Zuschauer in verschiedene Augenblicke, von der Mobilisierung, hinein in die Schützengräben, bis hin zum Ende und vor allem den Nachwirkungen des Krieges. Verschiedene sprachliche Stilmittel, viele bekannte Lieder mit (teilweise) neuen Texten und die – wenn auch oftmals disharmonische – elektronisch-musikalische Umsetzung, stets von verschiedenen Videoprojektionen begleitet, erzeugten ein teils klares, teils diffuses Bild vom Alltag der Zivilisten und Soldaten. Nicht eingängig, aber eindrucksvoll.

Dass nicht alle Zuschauer bis zum Schluss im Theater geblieben sind, mag eben an dieser teilweise auftretenden Disharmonie, der Lautstärke und den vielen verschiedenen optischen Effekten gelegen haben. Auch das klare Übermaß an elektronischer Musik bei AFTER THE FIRE mag manchem vorher vielleicht nicht bewusst gewesen sein. Meiner Meinung nach hat sich jede der Künstlergruppen auf eine besondere Art und Weise mit der Thematik auseinandergesetzt und vor allem mit ihrem eigenen Stil in Verbindung gebracht hat. Eine tolle Leistung!

Und wie immer, wenn ich diesen Song irgendwo höre, habe ich noch den ganzen Abend lang einen Begleiter von der Band Scorbüt in meinem Ohr:

geschrieben für www.livekritik.de
Foto via www.gebruederteichmann.net

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