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Kaffeeklatsch // Kassel – ein Liebesbrief an meine Heimatstadt

Waffelherz

Neulich bin ich über folgenden Satz gestolpert: "Der eigene Geburtsort ist kein Verdienst." In Berlin bekommt diese Aussage eine besonders große Bedeutung, denn echte Berliner sind quasi die Ultras unter den Lokalpatrioten und alle Nicht-Hauptstadt-Kinder stehen automatisch eine Stufe unter ihnen. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Berliner und die Stadt noch mehr, aber dieser Umstand ist nunmal Fakt. Berliner sind einfach die besseren Menschen, finden sie. Als Kasselanerin kann ich da schon gar nicht mithalten, denn Kassel ist die hässlichste Stadt der Welt. Mag man Kurzzeitbesuchern, Durchreisenden – oder Berlinern – Glauben schenken, dann gehörte Kassel eigentlich direkt von der Landkarte entfernt. Sechzigerjahrebausünden treffen auf Spießbürgertum. Höchstens der Herkules ist vielleicht ganz nett. Wieso findet die documenta eigentlich nicht in Berlin statt? 

Jedes Mal, wenn wir in Berlin auf meine Heimatstadt zu sprechen kommen, muss ich mich rechtfertigen. Muss ich Kassel rechtfertigen, erklären, wieso es diesen unsäglichen Ort überhaupt gibt. Ehrlich, ich bin das leid. Auch meine eigene Beziehung zu der Stadt ist keine einfache, was weniger an ihr selbst als vielmehr an familiären Umständen liegt und Kassel von meiner Heimat zu einem Ort gemacht hat, den ich mal mehr und mal weniger gerne besuche. Aber immerhin habe ich eine Beziehung zu ihr. Ich kenne die Stadt in- und auswendig, jede Ecke und jeden Winkel – welcher Berliner kann das schon von sich behaupten? Ich habe keine Lust mehr mich zu rechtfertigen. Kassel gibt es eben, und das ist schön. 

Nachts mit ein oder zwei oder drei Flaschen Wein durch die Aue spazieren und in den Sternenhimmel gucken, um anschließend in die Buga zu springen oder mit der Spielplatzseilbahn zu fahren. Kilometerlange Fußwege auf sich nehmen, um zum einzigen Späti der Stadt zu gelangen. Im Arbeitskreis rhythmussuchender Menschen neben den alten Stammheimhasen tanzen und beim Dönerladen des Vertrauens eine Käsetasche mit Lebensmittelzubereitung essen. Bei unserem Freund im Weinbergkrug vorbeischauen, der zur Feier des Tages Bier und Partysnacks spendiert. Im Treff am Kö einen Sambuca ordern und Wolle Petry aus der Jukebox hören. Im Chacal darauf warten, dass es endlich elf wird, damit man auch drin rauchen darf. Pogen in der Lolibar. Mexikaner in der Mutter. Lagerfeuer an der Hessenschanze. Riesige Grünflächen, die den Namen "Park" auch tatsächlich verdienen. Waschbären. Ahle Worscht. Kato-Tofu. 

Man mag es kaum glauben, aber es gibt viele gute Gründe, um nach Kassel zu kommen. Und wer es zulässt, verbringt hier vielleicht einige der schönsten Tage und Nächte seines Lebens. Das habe auch ich gerade erst wieder gelernt. 

 Für Ka, Lotti, Münus und Lisbeth 

Foto via Unsplash

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