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Kaffeeklatsch // Berliner Nachbarschaften

Blick auf Altbauten

Ich wage zu behaupten, dass wir ganz passable Nachbarn sind. Abgesehen von gelegentlichen verbalen Auseinandersetzungen oder hier und da mal einer Youtube-Party bekommt man von uns im Haus nicht (mehr) allzu viel mit. Früher war das schon anders, wenn regelmäßig unser Nachbar von obendrüber vor der Tür stand und uns darum bat, die Musik doch bitte leiser zu stellen – sein Aquarium würde schon vibrieren. Paradoxerweise war dieser Nachbar ein in die Jahre gekommener Punker, der sich selbst den schönen Spitznamen Terror gegeben hatte. "Schon wieder dieser Spießer", dachten wir jedes Mal, wenn es erneut klingelte und Terror uns anbot, sich eine Schachtel Tennisbälle mit uns zu teilen, damit wir alle gemeinsam den Schall unserer Boxen dämmen konnten. Er selbst hörte nämlich auch nur allzu gerne Musik – vorzugsweise beim Staubsaugen – was den Lautstärkepegel manchmal ins Unermessliche trieb. Mittlerweile ist Terror ausgezogen und ich muss zugeben, dass er mir manchmal fehlt. Weil es irgendwie doch immer lustig war, wenn seine Stieftochter pausenlos "T E R R O R" durch unseren Hausflur brüllte, wenn es Mittagessen gab. Oder wenn Terror eine Angelschnur aus dem Küchenfenster warf und auf unseren Balkontisch hinunterließ, um auf diese Weise Zigaretten zu klauen. Vor allem aber fehlt er mir in Anbetracht des neuen Nachbars. 

Alles begann damit, dass bei uns im Haus ein Päckchen für mich abgegeben wurde, das ich nirgends finde konnte. Weder im Vorderhaus, noch im Hinterhaus war ein Klingelschild mit besagtem Namen angebracht und es half auch nichts, mehrmals alle Treppen hoch- und wieder hinunterzulaufen, weil ich langsam schon an meiner Sehstärke zweifelte und deshalb lieber gleich doppelt nachschaute. Eigentlich wollte ich die Schuld schon der DHL geben, die für gewöhnlich aus Prinzip nicht bei uns klingelt und meine Pakete dafür munter bei sämtlichen Nachbarn verteilt, obwohl ich fast immer zu Hause bin. Als Fuchs kam mir jedoch noch eine andere Idee in den Sinn und so schnappte ich mir kurzerhand mein Telefon, um die Nummer von der Hausverwaltung zu wählen. Frau W. konnte mir sofort weiterhelfen, mein Päckchen müsste sich bei den neuen Nachbarn befinden, direkt in der Wohnung unter uns. Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht mitbekommen, dass dort schon jemand eingezogen war, vor allem, weil das Namensschild noch fehlte. Mein Paket hatte ich jedoch endlich gefunden, unwissend, dass ich mit meinem Klingeln anscheinend die Büchse der Pandora geöffnet hatte … 

Pünktlich am nächsten Morgen ging es los, mit einem eher zarten Stimmchen, das im Laufe des Tages immer lauter wurde. "Aha, offenbar ist der neue Nachbar Sänger", stellte ich fest. "Interessant, hört sich ja gar nicht mal schlecht an." So dachte ich am ersten Tag, am zweiten und vielleicht auch noch am siebten – danach war allerdings Schluss mit lustig. Nicht nur, dass mir die Singer-Songwriter-Nummer leider nicht so recht gefallen mag und sie sich durch die Wände auf Dauer dann doch eher quäkig anhört; dieser Mensch probt Wochen über Wochen ein und denselben Song, um anschließend das Gleiche mit einem neuen Lied zu tun. Keine Abwechslung, nie, so als hätte man eine CD auf Repeat gestellt. Selbst nach unserer dreimonatigen Reise, auf der ich unseren Nachbar ehrlich gesagt schon wieder vergessen oder vielleicht auch verdrängt hatte, fand sogleich eine wohlbekannte Melodie ihren Weg in mein Ohr. Alter, echt jetzt?! Und plötzlich weiß ich wieder, weshalb mir Terror so fehlt: Es gibt hier niemanden mehr, der bei dem selbsternannten Bob Dylan klingelt und ihm ein Paar Eierkartons anbietet, um sein Zimmer zum Proberaum umzufunktionieren. Vielleicht sollte ich diese ehrenwerte Aufgabe in Zukunft ganz einfach selbst übernehmen. 

Foto via Unsplash

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